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Wie Google Street View zu Kunst wird

 

Der Instagram Account „agoraphobic traveller“ zeigt weite Landschaften, auffällige Symmetrien und klare Horizonte. Die Bilder sind schön, wirken zeitgleich distanziert und doch irgendwie hautnah. Das ist kein Zufall: Jacqui Kenny, die Fotografin hinter den Bildern, war an keinen dieser Orte. Vor ca. einem Jahr begann Jacqui Kenny auf ihrem Computer zufällige Orte und Landschaften mit Google Street View zu erkunden. Ihre Firma in London stand vor der Auflösung und sie brauchte eine Ablenkung von dem Stress. Sie machte Screenshots von besonders interessanten Bildern und Blickwinkeln, und nach einem harten halben Jahr hatte sie plötzlich ein Archiv mit rund 26.000 Fotos.

Sie entschied sich den Instagram Account „agoraphobic traveller“ zu starten, welcher mittlerweile fast 100.000 Abonnenten hat. Bis heute ist jedes einzelne Foto auf dem Instagram Profil ein Street View Screenshot. Mit unglaublichen Feingefühl selektiert und schneidet sie schöne Bilder aus den Erzeugnissen der Roboterkamera von Google.

Der Name „agoraphobic traveller“ ist eigentlich paradox. Menschen mit Agoraphobie haben oft Angst vor dem Reisen. Kenny hat Agoraphobie und wenn sie einen harten Tag hat, schafft sie es kaum das Haus zu verlassen. Agora stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet auf Deutsch „Marktplatz“. Menschen mit der Störung kriegen oft Panikattacken oder Angstzustände, ausgelöst durch bestimmte Situationen oder durch bestimmte Orte, wie z. B. Menschengedränge oder offene, weite Plätze. Die Angst alleine oder generell zu reisen ist damit oft verbunden. Dabei haben die Menschen keine Angst vor dem Orten oder Situationen an sich, sondern vor dem Kontrollverlust, der damit einhergeht.

Menschen mit Agoraphobie haben dann z.B. Angst in Gefahrensituationen von den Orten nicht schnell genug flüchten zu können oder, dass Hilfe nicht schnell genug verfügbar wäre. Kenny leidet besonders unter der Störung und manchmal hat sie sogar Angst, sich beim Supermarkt zu weit vom Ausgang zu entfernen und betritt deshalb manche Regalgänge nicht.

Am schlimmsten sind jedoch Flugzeuge, um bei der Hochzeit ihrer Schwester in Neuseeland dabei zu sein, musste Kenny zunächst monatelang in Therapie, um sich vorzubereiten.

Durch Google Street View kann sie Orte besuchen, an die sie sonst niemals hätte gehen können. Weite menschenleere Landschaften, Wüsten, verlassene Städte, alles mit einem weiten, blauen Horizont. Sie verbringt besonders gerne Zeit in Arizona, Chile, Peru und Russland. Außerdem hat sie eine Ausstellung in New York und ist für diesen Anlass das erste Mal seit der Hochzeit ihrer Schwester geflogen. Mit der Unterstützung ihrer Community rund um ihre Bilder stellt sie sich ihren Ängsten und tut täglich Dinge, die ihr sonst unmöglich sind. Google hat eine eigene Website über sie und die Ausstellung, und man kann ihre Bilder als Print kaufen.

Sie hat auch eine Sammlung mit verrückten Bildern auf Google Street View aufgenommen und würde sie diese veröffentlichen, wäre sie vermutlich zehnmal größer auf Instagram. Aber darum geht es ihr nicht.

Stattdessen wird ihre Kunst zu einem Symbol für alle, die täglich aus dem Haus gehen und sich, in welcher Weise auch, immer ihren Ängsten stellen.

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